Financial Times Deutschland
101 Köpfe der New Economy: Marcus R. Niedermeier
Marcus Niedermeier will mit dem Internet eine Branche revolutionieren, die sich bislang erfolgreich von jeglicher Innovation unbefleckt gehalten hat: Er betreibt eine Internet-Börse für Holzhändler. Und macht damit, so sagt er, sogar Gewinne.
Jeder Manager hat seine Management-Weisheit. Auch Marcus Niedermeier: "Jeder Baum, der steht, fällt irgendwann." Das birgt eine gewisse Nachschub-Sicherheit, wenn man im Holzgeschäft ist. Fast hat es etwas Faustisches. Ist es nicht so, dass alles, was entsteht, wert ist, dass es zugrunde geht? Und es hat etwas Tragisches. Aber das kann nur erkennen, wer den Baumstamm betrachtet, auf den Niedermeier seinen Fuß gerade pflanzt. Die Rinde: Da hat jemand reingeritzt "Franz+M...". Da wollte jemand seine Liebe für die Ewigkeit dokumentieren. Ach, nichts ist für die Ewigkeit. Und Franzens Liebesschwur ist bald Holzschnitzel. Denn, erklärt Niedermeier, "das ist kein Wertlaubholz". Nichts für Möbel, Musikinstrumente. Nur für’n Ofen.
Niedermeier kann das einschätzen, denn sein Vater ist Holzhändler. Wertlaubholz-Händler. Wie es schon sein Vater war. Und dessen Vater. Und Sohn Marcus war nahe dran, auch Holzhändler zu werden. Hatte schon in Rosenheim Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Holzwirtschaft studiert. Hatte schon im väterlichen Betrieb mitgearbeitet. Und dann, das ist nun fünf Jahre her, entschied er sich gegen Holzhandel und für das Internet. Und während er über den Holzlagerplatz seines Vaters spaziert, ist ihm anzumerken, dass es ihm noch immer nicht leicht fällt, sich entschieden zu haben.
"Selber was auf die Beine stellen, bei einer Sache unter den Ersten sein" war sein Motiv, sagt er. Damals gründete Marcus Niedermeier die Internationale Holzbörse IHB. Heute ist die IHB weltweit das größte unabhängige Portal für Holzhandel. In seinem Landshuter Firmensitz (der nicht aussieht wie ein Firmensitz, sondern wie ein Einfamilienhaus, in das sich zufällig eine Firma verirrt hat) beschäftigt er 30 Mitarbeiter. Er baut einen weiteren Firmensitz in Hallbergmoos bei München und eine Dependance in Wien auf. Bald sollen Niederlassungen in Frankreich und Italien folgen.
Die Holzbörse finanziert sich durch Abo-Gebühren der registrierten Kunden, außerdem verkauft Niedermeier Datenbanken für die Holzindustrie. Und, eigenen Angaben nach, hat der Landshuter beinahe dem gesamten Rest der Internet-Wirtschaft etwas voraus: Nämlich Gewinn. So viel, dass es sich ganz gut davon leben ließe, wie er meint. Wie gut genau, will er allerdings nicht sagen.
Niedermeier betreibt keinen eigenen Holzhandel, er vermittelt nur Angebote. Auf der IHB-Website suchen und bieten Holzhändler vor allem aus Deutschland, aber auch aus Europa, den USA, China, Japan, Russland. Insgesamt 1600 registrierte Kunden hat er. Nicht schlecht, bedenkt man, dass es in Deutschland nur 1850 Holzhändler gibt.
"Ziemlich viele arbeiten mit ihm zusammen", sagt Hein Denneboom vom Gesamtverband Holz in Wiesbaden, "er hat sich schon einen Namen gemacht." Und auch Rainer Eder, Chef des Branchendienstes "Holzkurier", ist zuversichtlich: "Niedermeier hat als Erster die Möglichkeiten des Internets entdeckt. Seine Holzbörse kann sich zu einem sehr interessanten Dienst entwickeln." Allerdings falle die Zahl der Abschlüsse, die über die IHB zustande kämen, im Vergleich zum Gesamtmarkt noch nicht ins Gewicht. "Viele Holzhändler halten sich vom Internet fern, weil sie fürchten, dass der Online-Handel sie einmal überflüssig machen könnte." Außerdem fällt im Web eine Qualitätskontrolle der angebotenen Ware schwer.
Um das zu erleichtern, will Niedermeier viel investieren. Fotos und Videosequenzen sollen die Angebote transparenter machen. Außerdem soll die Website von einem Holzkatalog zu einem richtigen Handelsplatz werden. Er prüft die Möglichkeiten digitaler Vertragsabschlüsse und eines Logistiksystems.
Verfehlen kann man seine Website schon jetzt kaum. Marcus Niedermeier nennt über 250 Web-Adressen sein eigen, die alle auf die Holzbörse verweisen. Darunter internationale Einträge wie "Timber.org", aber auch wer nach"Sturmholz.de", "Schnittholz. de" oder "Windwurf.de" sucht, landet bei ihm.
Dem New-Economy-Sprech nach ist die IHB eine "Business-to-Business-Plattform". Das ist aber auch das Einzige, was Niedermeier mit der New Economy am Hut hat (der auf dem Rücksitz seines Autos liegt, den er aber nur ganz ganz selten trägt, sagt er). Zu aufgeschlossen und ehrgeizig, um das Traditionsgeschäft weiter zu betreiben. Andererseits dem Walde zu nah, um etwas zu wagen, was nichts mit Holz zu tun hat.
Der Niederbayer lässt sich von seinen Mitarbeitern siezen ("Wenn ich jemanden mal anpfeife, dann hört sich ,du' doch doof an" ), sucht ständig persönlichen Kontakt zu seinen Kunden, weil "das in der Branche üblich ist", dabei fährt er mit einem Mercedes vor, "weil das in der Branche üblich ist". Sein Handy hat Holzfurnier. Er sieht sich als Kosmopolit: "Als Urbayer könnte man keine internationale Holzbörse machen."
Andererseits könnte kein urbaner Harvard-Abgänger sein Geschäft betreiben - die Holzbranche traut nur sich selbst, und Niedermeier ist einer von ihnen. Selbst für ihn waren die ersten Jahre "sehr hart". Die Internet-Anschlüsse in der Branche waren dünn gesät. Nur langsam konnte er eine Community virtueller Holzhändler um sich scharen.
Eigentlich ist kein Business geeigneter für das Internet als die Holzbranche, meint er. Die Händlerbeziehungen wechseln häufig. Und manchmal gibt es den Baum, den jemand sucht, nur am anderen Ende der Welt. Als vor einiger Zeit in Asien Überschwemmungen ganze Landstriche ruinierten, stieg sein Kundenstamm in dieser Region sprunghaft an. Es durften keine Buchen mehr geschlagen werden, die örtliche Holzindustrie wurde abhängig von Importen. So lernten die Japaner den Server in Landshut schätzen.
Alle möglichen Holzgesuche liefen schon durch Niedermeiers Datenbank. Nur noch keines nach einem Baum mit eingraviertem Liebesschwur "Franz + M", grübelt der Holzbörsianer. Wer mag wohl M sein: "Vielleicht Marcus?", lacht er, "vielleicht eine Jugendsünde von mir?" Oh Gott, so was darf man aber nicht in die Zeitung schreiben. Was sollen die Kollegen Wertlaubholzhändler denken. Zu spät.
Persönlich
Geboren am 19.3.1970 in Landshut/Bayern. Ledig. Niedermeier fährt Ski und geht gerne in der Natur spazieren ("Aber ich brauch’ nicht ständig Bäume um mich").
Ausbildung
BWL-Studium in Regensburg, anschließend Studium in Rosenheim (BWL mit Schwerpunkt Holzwirtschaft).
Karriere
Einstieg in den väterlichen Holzhandel in Landshut. 1996 Gründung der Internationalen Holzbörse.
(Autor: Tillmann Prüfer / 2001)