WirtschaftsWoche

Gnadenlos durchleuchtet
Das Internet revolutioniert die Wirtschaft. Bald ist alles E oder gar nicht.

Bodenständig und erdverbunden: So ist der 60-jährige Landshuter Eduard Niedermeier, und so betreibt er auch sein Geschäft. Traditionsbewusst im Trachtenanzug repräsentiert er die fast 100 Jahre alte Holzgroßhandlung Niedermeier und sucht seine Geschäftspartner persönlich auf. Zurückhaltung, Diskretion und Vorsicht lautet auch das Kredo des 64-jährigen Privat-Bankiers Karl Gerhard Schmidt, der in fünfter Generation das 1828 gegründete Geldhaus Schmidt Bank in Hof an der Saale führt. Eduard Niedermeier und Karl Gerhard Schmidt haben beide erfolgreiche Söhne die ihre Geschäfte, obwohl in derselben Branche wie ihre Väter, ganz anders betreiben. Marcus Niedermeier verdient sein Geld wie sein Vater als Holzhändler. Täglich durchforstet er das Web nach neuen Verdienstquellen. Seine Geschäftspartner kontaktiert der 29-Jährige fast ausschließlich per E-Mail. Auf seinem virtuellen Holzmarktplatz http://www.holzboerse.de (international: http://www.timber.org) vermittelt der Stammhalter Bretter und Furniere zwischen mehr als 100.000 Teilnehmer von Buxtehude bis Beijing. Auch der 30-jährige Karl Matthäus Schmidt ist dem Taler treu geblieben: Fränkische Kaufleute interessieren ihn dabei als Kunden nur am Rande. Seine Firma, der Nürnberger Online-Discount- Broker Consors, hat sich auf eine technikbegeisterte und börseninteressierte Klientel spezialisiert. Mit riesigem Erfolg: Consors hat mit einem Börsenwert von sieben Milliarden Mark binnen zwei Jahren -grob geschätzt - den 10fachen Wert der Bank seines Vaters geschaffen. Verrückte Welt. Generationswechsel in Deutschland: Alte Geschäftsprinzipien werden über Bord geworfen - alte Unternehmertugenden mit Füßen getreten - gnadenlos alte Zöpfe abgeschnitten. Statt zu erhalten und zu bewahren, nabeln sich die Internetunternehmer von ihren Vätern ab und stürzen sich kopfüber ins Zeitalter der digitalen Ökonomie. Das Abenteuer Internet lockt. Welche Dimensionen es inzwischen erreicht hat, zeigt das Beispiel des Onlinereiseanbieters Travelstore.com. Durch die Übernahme von Reisebüros mit Ladengeschäften hat sich der Firmenwert des Geschäftsreisespezialisten in den vergangenen Monaten vervielfacht. Die Tatsache, dass der Kunde jetzt sein Flugticket per Mausklick ordert, führt zu einer Erhöhung der Kundenbewertung "um das vier bis achtfache", wie Frank Böhnke. vom Venture Capital-Spezialisten Wellington Partners erklärt. Allein die Ankündigung des Finanzdienstleisters MLP, demnächst im Internet tätig zu sein, sorgte dafür, dass der Börsenkurs von Mitte Januar um über 40 Prozent auf mehr als 500 Euro stieg. Auch wenn Kritiker solche Internetphantasien als ungesund empfinden: Die R-E-volution ist nicht mehr aufzuhalten. Das Internet verändert die gesamte Wirtschaft. Bald, so sieht es aus, ist alles E oder gar nicht. Das begreifen zunehmend auch Deutschlands Unternehmensführer ....

(Autor: Jochen Mai / 2001)